Von Tieren lernen: Wie Tiere uns helfen und warum sie geniale Coaches sind

Von Tieren lernen

Katzenschnurren hilft bei Bluthochdruck. Wusstest du bestimmt schon, oder? Ich erzähl’s dir trotzdem noch einmal. Schadet nicht!

Ich fahre bei den Fellgiganten bekanntlich die Party-Schiene. Ich finde es großartig, wenn Katzen immer in Action sind. Ich liebe die Gurrkonzerte von Budd und Indio, kurz bevor sie als fusselndes Knäuel aus Gliedmaßen und Plüschboas quer durch die Wohnung kugeln. Ich steh drauf, mit einer Katzenangel bewaffnet durch alle Zimmer zu hetzen und dabei vom Felltrio gejagt zu werden wie ein Hasendummy von einem Rudel Greyhounds. Das macht Spaß. Es bringt mich in Wallungen. Es lenkt mich ab. 

Dennoch helfen Tiere uns Menschen noch auf eine ganz andere Weise:  Sie holen uns runter. 

Auf welchem Trip auch immer wir gerade sind. Welche Filme auch immer wir gerade fahren. Was immer in unserem Kopf abgeht. 

Ein Tier kann dir einen einzigen Blick zuwerfen und damit die Stürme verstummen lassen. 

Von Multitasking, Multithinking – oh, und Angebranntem

Buddha, Zen und Co. haben in den letzten Jahren einen massiven Boom erlebt: Proportional zum »Just do it!«-Mantra schießen auch die mindfulness– und Achtsamkeitsaufrufe aus dem Boden. Klar, wir brauchen schließlich ein Gegengewicht. Unsere Welt wird schnelllebiger. Wir stolpern irgendwo zwischen YOLO und FOMO umher: You only live once! Yep, und zwar in constant fear of missing out. Wir müssen kopflos tun und handeln und mitlaufen. Weil wir sonst was verpassen. Ganz sicher. 

Wir merken gar nicht, wie sehr der ständige Blick aufs Smartphone eigentlich Symptom für das Chaos in unserem Kopf ist. Das ist längst automatisiert. Während du kochst, planst du gleichzeitig dein Essen für die restliche Woche, denkst an deine Freundin Klara, die gerade einen Zahnarzttermin hat, und überlegst, ob du morgen wohl die Mittagspause mit Mareike aus der Nachbarabteilung verbringst. Ach, hat Johann eigentlich schon wegen der neuen Möbel fürs Schlafzimmer geschrieben? Hm. Hey, wo du gerade dabei bist: Vielleicht hat Michael eine neue Statusmeldung, da postet er oft den schnuckeligen Hund seiner neuen Freundin… Warte, was ist das – hat Stefan etwa ein neues Auto?!

Je nach dem, wie routiniert du beim Kochen bist, ist dein Essen jetzt entweder fertig oder aber eins mit der Teflonbeschichtung. Ups.

Katzen: YOL9 – oder eher: You only live now…

Das Besondere an Tieren ist nicht nur, dass sie kein Smartphone haben. Tiere sind immer im Jetzt. 

Arrogante Zweibeiner nutzen das häufig als Argument dafür, dass Tiere ja irgendwie blöd sind. Tiere hinken kognitiv weit hinter uns her. Tiere planen wenig bis gar nicht. Werkzeuge bauen die wenigsten. Smartphones entwickeln? Ha, da kann die Katze von träumen!

Tut sie aber nicht. Nicht, weil sie doof ist. Sondern weil sie’s nicht braucht.

Würde die ökologische Nische, die Katzen besetzen, ernsthaft in Gefahr geraten: Dann würde die Spezies sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte und Jahrtausende in eine neue Richtung entwickeln. Dann würde das Katzenhirn vielleicht an Oberfläche zulegen, Neuronen würden sich neu spezialisieren, der Körper würde sich verändern, und bäm, eine Million Jahre später sind Katzen diejenigen, die die neuesten Smartphones entwickeln. Und wir Menschen hinken plötzlich entwicklungstechnisch hinterher und werden mit Dosenfutter ernährt, weil wir so lustig aussehen mit unseren langen Beinen und Armen und den nackten Körpern, die im Winter bitterlich frieren.

Aktuell geht’s Katzen aber noch ganz gut. Viele werden von uns Zweibeinern gehätschelt und gepflegt. Andere haben das Glück, dass sie so weit von Menschen entfernt leben, dass sie in Ruhe leben und jagen und Katzen sein können. Wieder andere leben als Streuner irgendwo mitten unter uns. Ernähren sich von Beutetieren ebenso wie von dem, was wir liegen lassen oder für sie hinstellen. Pflanzen sich munter fort, weil wir zu doof sind, unsere Freigänger zu kastrieren. 

Rein biologisch betrachtet boomt die Spezies Katze nach wie vor. Das Fortbestehen der Art ist ziemlich sicher. Aktuell machen wir Menschen uns auf diesem Planeten so fett, dass eher davon auszugehen ist, dass Katzen sich über die Jahrhunderte hinweg mehr und mehr domestizieren lassen. Dass sich das Zusammenleben und Kooperieren mit uns mehr und mehr in ihre Gene schreibt. Ähnlich wie bei Hunden, deren Bindung an uns biologisch betrachtet schon deutlich tiefer geht. 

Indio
Entschuldigung? Als stünden wir Hunden in irgendwas nach…

Fear of missing out? Nö. Lieber mal 16 Stunden schlafen

Deiner Katze geht nicht im Kopf herum, was ihr haariger Kollege von nebenan gerade treibt. Wenn Miez Gesellschaft will, sucht sie sich welche. Will sie nicht, dann nicht. Die Tätigkeiten der nächsten Tage planen? Nö, wieso? Dein Stubentiger hat zwar einen vollen Napf, dennoch wird er seinen Instinkten folgen und jagen. Je nach Equipment und Einrichtung wird’s die Fellmaus oder ein freilaufender BH. In jedem Fall sucht Katz sich Beschäftigung, wenn sie welche haben will. 

Und sonst so? Fressen. Schlafen. Schmusen. Schlafen. Schlafen. 

Von dieser Seelenruhe können wir nur träumen. Anstatt körperlich tätig zu werden (BHs oder Fellmäuse jagen), sitzen wir auf dem Hintern und surfen von Katzenvideo zu Katzenvideo. Lesen Nachrichten. Pinnen DIY-Ideen. Shoppen online. Essen und schlafen schaffen wir auch – beim Essen laufen allerdings Netflix und via WhatsApp fünf Dialoge mit Freunden. Schlafen tun viele von uns nur unruhig. Zu viel los im Schädel. Gedankenkarussell. 

Wir sind nicht darauf ausgelegt, ununterbrochen auf fünf verschiedenen Gedankenspuren gleichzeitig zu fahren. Meist noch ohne, dass wir uns dabei auch nur einen halben Meter vorwärts bewegen. 

Resultat? Wir werden psychisch krank. Burn out. Wir kriegen Therapie. Und machen weiter wie zuvor. Damit’s in einem Jahr von vorn losgeht. 

Wie Tiere uns helfen: Gesundheitsförderung durch Hund, Katze und Co.

In meinem Job habe ich mittlerweile mehrfach mit Therapiebegleithunden zusammenarbeiten dürfen. Das Konzept der tiergestützten Therapie setzt sich heutzutage immer mehr durch – und das aus gutem Grund: Die Anwesenheit der Fellträger sorgt nicht nur dafür, dass die Patienten mehr aus sich herauskommen und von sich aus verstärkt in Kommunikation mit ihren zweibeinigen Artgenossen treten. Die bedingungslose Zuwendung eines Tieres lindert auch die psychischen Belastungen, mit denen sich Menschen beispielsweise infolge neurologischer Erkrankungen konfrontiert sehen. 

Gedankenexperiment gefällig? Okay. Wird nicht schön, aber wichtig. Stell dir vor: Du hattest einen Schlaganfall. Einen von der ganz miesen Sorte. Laufen geht nicht, sprechen geht nicht. Du hockst im Rollstuhl und bekommst nur noch »dididi« und »Dezember« heraus – Gott weiß, wieso du ausgerechnet diesen dämlichen Sprachautomatismus produzierst. Dein rechter Arm ist gelähmt und rutscht dir dauernd vom Schoß. Wie ein angenähter Fremdkörper an einer Lumpenpuppe. Wenn man dich durch die Gegend schiebt, muss man aufpassen, dass deine Finger nicht zwischen die Speichen des Rollstuhls kommen. Du sabberst, weil dein rechter Mundwinkel dreimal schlimmer hängt als der von Angela Merkel.

Deine Familie, deine Freunde – keiner weiß so richtig, wie er sich dir gegenüber jetzt verhalten soll. Natürlich lieben die dich noch – aber sie sind komplett verunsichert. Kriegst du noch alles mit? Verstehst du, was sie sagen? Bist du noch da? Bist du noch du? 

Du hast jetzt den »behindert«-Stempel. Den, den niemand verdient – den aber verdammt viele Menschen aufgedrückt bekommen, oft sogar bevor sie überhaupt nur einen Ton von sich geben konnten. Wir Menschen sind so. Das ist normal. Wir können nicht aus unserer Haut. 

Weißt du, wen das alles aber so gar nicht juckt? Den Hund da. Den, der schwanzwedelnd angewetzt kommt und dabei fast mit deinem Rollstuhl kollidiert. Der dir die plegische Hand abschlabbert, die dadurch endlich mal wieder durchblutet wird. Der um dich herumhopst als wärst du das göttlichste Lebewesen auf diesem Planeten. Weil du schließlich noch die linke Hand zum Streicheln hast. Ist ihm auch egal, wenn du ihn »Dezember« nennst. Für dich ist er alle zwölf Monate zusammen. 

Tiere als psychosoziale Unterstützung

Unsere Vierbeiner laufen nicht mit menschlichen Bewertungsschemen. Das macht sie zu so hervorragenden Sozialpartnern für die Ausgestoßenen der Gesellschaft… Aber auch wir vermeintlichen Normalos fallen gern auf unsere Fellbündel zurück, wenn wir miese Tage haben. 

Wenn der Ehepartner abgenervt ist und mit seinen Kumpels loszieht, packt man sich mit der Katze aufs Sofa und ist so doch nicht allein. Wenn’s einem richtig dreckig geht und man sich nicht mal mehr traut, Pizza zu bestellen, weil den Lieferhelden beim Öffnen der Tür der Schlag treffen könnte – selbst dann findet der eigene Kater einen immer noch prima. Allein die Anwesenheit eines Tieres hat vielfach schon eine heilende Wirkung auf uns. Ängste und Depressionen werden gelindert. Das Wohlbefinden steigert sich. 

Hast du einen Hund, bist du sogar gezwungen, vor die Tür zu gehen. Das wiederum sorgt dafür, dass du mit anderen Menschen in Kontakt kommst. Tiere sind generell hervorragende Brückenbauer: Tiergestützte Therapie ist auch deswegen so beliebt, weil die Beziehung von Klient und Therapeut durch die Fellkugel sofort eine andere ist. Man ist automatisch näher beieinander, weil das Tier in Sekundenschnelle eine Verbindung aufbaut, die verbal gar nicht zu fassen ist. 

Boss
Funktioniert bei Katzen natürlich auch.

Von Tieren lernen: Die Sache mit der Achtsamkeit

Allein diese wissenschaftlich vielfach belegten Vorzüge der Gesellschaft von Hund, Katze und Co. für unsere Gesundheit sollten notorischen »ihhhh, Tiere!«-Rufern das Maul stopfen. Völlig abseits vorn Hirnoberfläche und kognitiver Leistungsfähigkeit haben unsere haarigen Mitbewohner Eigenschaften an sich, mit denen sie uns verkopfte und chronisch urteilende Zweibeiner in den Schatten stellen. Dabei geht es nicht darum, dass eine Spezies besser ist als die andere: Jede ist wie sie ist – und das ist gut. Ich für meinen Teil mag Menschen. Ich mag auch Vier- und eine große Zahl von Sechs- und Achtbeinern. 

Das Akzeptieren biologischer Gegebenheiten gehört bei vielen meiner Artgenossen leider nicht unbedingt zu deren Stärken – und auch das kann und sollte man akzeptieren. Ich denke aber, dass ein bisschen Offenheit und ein bisschen Einsicht uns alle ein gutes Stück weiterbringen können. Wahrnehmen und Annehmen des Ist-Zustands ist etwas, das uns irrigerweise mehr und mehr abhanden kommt. Wir fühlen gar nicht mehr, wie wir fühlen. Auf etliche Reize reagieren wir vollautomatisiert – wir regulieren uns so, dass wir unsere Jobs erledigen können, und was da tief vergraben in uns wohnt, das beißt uns erst in den Arsch, wenn’s zu spät ist. Ich weiß besser, wovon ich da rede, als mir lieb ist – und dieser Artikel ist letztendlich auch nur ein Symptom dafür, dass ich selbst diese ganze Achtsamkeitskiste wieder mehr trainieren muss. 

Danke, Tiere, danke Fellgiganten!

Während ich also Lebensentwürfe überdenke, meine Fühler in neue Richtungen ausstrecke und dabei wieder zu mehr Bewusstheit im Alltag finde, sind meine Jungs meine Cheerleader, meine Personal Trainer und meine Mahnmale, dass das Jetzt alles ist, was wirklich zählt. 

Der Boss ist mittlerweile 9 Jahre alt und wird gefühlt jeden Tag fauler und anhänglicher. Budd ist erwachsener geworden und zu meinem blauen Schatten mutiert, der zwar immer noch für sein Leben gern rauft, mittlerweile aber auch genauso gern einfach neben mir auf dem Sofa hockt und mir beim Schreiben und Malen zusieht. Indio kriecht nachts immer noch gern mit in meinen Pyjama und lässt tagsüber die Teppiche fliegen, aber seine wilden Flusen hinter den Ohren werden weniger und gelegentlich bleibt er nun sogar dann liegen, wenn ich mich der mystischen Badezimmertür nähere (ich lagere die Katzenangeln im Bad).

Ebenso wie die Jungs hier für ausreichend Alltagsbewegung und Party sorgen, sind sie auch mein mentaler Ruhepol und Anker. (Grund genug, jetzt eine Runde Snackies für alle springen zu lassen, oder?)

Genieß jede Sekunde mit deinen Plüschkumpels. Streichel ihnen nicht nur gedankenverloren durchs Fell – leg das iPhone beiseite, schalt die Glotze aus und komm zurück in die Gegenwart. Hör sie schnurren und schnarchen. Fühl die Wassertropfen im Plüsch, wenn eben mal wieder Spielzeuge gebadet wurden. Zähl die grauen Haare im Pelz deines Senioren. Sei da. Mit allen Sinnen!

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