Warum es keine Edelkatzen gibt

Edelkatzen?!

»Edelkatzen« ist für mich ein Unwort. Insbesondere, wenn es um Maine Coons geht. »Edel« sind vielleicht die goldenen Schmuckstücke in Omas Schrank, der neue Benz in Nachbars Garage oder die Michael Kors-Handtasche, die die Hälfte deines Monatsgehaltes gefressen hat.

Aber eine Katze?

Ein Tier?

Ein Lebewesen?

Bist du edel?

Versteh mich nicht falsch: Meine Kater sind ein Bild von Perfektion für mich. Jede ihrer Zellen sitzt am richtigen Platz. Jede ihrer Zellen ist wunderschön. Ich liebe diese Tiere – mit Haut und Haar, mit Klauen und Zähnen, mit Narben und Giardien.

Meine Tiere sind perfekt. Gerade, weil sie unperfekt sind.

Prestige

Menschen stehen auf »edel«, weil man damit angeben kann. Man dekoriert sich damit wie einen Tannenbaum zu Weihnachten. Hebt sich aus der Masse hervor. Tut so, als würde es einen besonders machen.

Himmel, so ein Mercedes fährt sich großartig. Und wenn Michael Kors mal mehr Silber statt Gold an seinen Taschen verarbeiten würde, fände ich die vielleicht auch ganz cool.

Aber meine Katzen? Sie sind alles für mich. Wirklich alles. Außer Prestigeobjekte.

Dadurch, dass ich mit Waldkatzen aufgewachsen bin, waren die Tiere für mich ohnehin nie außergewöhnlich wegen ihrer Herkunft. Sie waren meine Brüder, sie waren groß und pelzig und ich fand sie genial, weil sie mit mir spielten und kuschelten. Ihre Rassebezeichnungen vergaß ich ständig. Für mich war die Europäisch Kurzhaar nie der Prototyp einer Katze, sondern immer nur die Maine Coon oder Norwegische Waldkatze.

Mit einer Umorientierung würde ich mich heute saumäßig schwer tun. Ich bin die Hundekatzen gewöhnt, die mir ununterbrochen an der Backe kleben. Kätzische Unabhängigkeit bei meinen Katern würde mich maßlos irritieren. Ich brauche diese hündische Anhänglichkeit und die ewige Party-Laune, die den Coons eigen ist.

Klar, ich mag auch, wie die Tiere aussehen. An erster Stelle steht für mich aber immer, ob sie charakterlich zu mir passen.

Buddy und Sonny

Als ich dem Boss vor ein paar Monaten neue Gesellschaft organisieren musste, war mir herzlich egal, wie die Tiere aussehen würden. Ich wollte zwei Jungkater, die sich gut verstanden und an den Boss und seine Starallüren anpassen würden. Tatsächlich war meine einzige Vorgabe im Hinblick auf Optik: »Bitte nicht rot.« (Schlechte Erfahrungen. Wir mussten mal einen Rotfuchs abgeben, der Probleme mit Artgenossen hatte. Ich bin nicht gut in so was.)

Und dann kam Sonny: Die mit Abstand coolste Socke aus den letzten zwei Würfen vom Papa. Rotzenfrech und unerschrocken.

Rot.

Sei’s drum.

Und Buddy? Der war als Baby schon regelmäßig aus seinem Laufstall ausgebrochen, um die Bude auseinanderzunehmen. Mit Sonny verstand er sich prima, die beiden hingen dauernd zusammen. Die waren’s.

Edelkatzen?

Beide sind reinrassige Maine Coons mit Papieren. Die Elterntiere haben sämtliche Gesundheitstests durchlaufen – die Kopien der Ergebnisse habe ich hier. (Nur das letzte Stuhlprofil war bei Abholung der Zwerge leider ein paar Wochen zu alt. Seufz.)

Per definitionem sind beide »Edelkatzen«.

Sie sind auch zwei verdammt hübsche Buben.

Aber edel? Glücklicherweise nein.

Keiner von ihnen sitzt dekorativ auf dem Wohnzimmerschrank und achtet darauf, dass die Frisur sitzt.

Sonny ist verdammt (rot) unbedarft. Ihm passiert ein Unfall nach dem anderen. Woher er seine Darmprobleme hat, weiß auch keiner – das Schreckgespenst Megacolon steht immer noch im Raum. Durch die Krankheit hinkt er entwicklungstechnisch hinterher und ist deutlich zu dünn und klein für sein Alter. Die Giardien haben bei ihm den unschönen Effekt, dass er an schlechten Tagen flüssigen Kot in der gesamten Wohnung verliert – und wegen der Darm-OP hat sich die Behandlung der Parasiten natürlich verzögert.

(Und ja, die Züchterin hat mir angeboten, ihn zurückzukaufen, als die Probleme mit seinem Darm auftraten. Ich habe abgelehnt.)

Buddy ist der absolute Bad Boy, der immer nur Party machen will. Ein bisschen wie mein Blitz. Man kann Katzen durchaus erziehen, aber das dauert – und wir sind noch lange nicht fertig. Ergo bleibt sein Codename »Conan der Zerstörer« vorerst bestehen. Er sieht wahnsinnig schnuckelig aus! Allerdings sitzt die Beißhemmung noch nicht so ganz, insbesondere seit Sonny unters Messer musste und weniger balgen darf. Anfassen geht somit immer auf eigene Gefahr. Ebenso wie allgemeines Herumstehen in seiner Nähe, auf Hosenbeine steht er nämlich auch. Und auf Socken. Füße. Zehen. Alles.

Die Haltung einer Steiff-Katze in der Vitrine würde mich unter Garantie weniger Geld, zerstörtes Mobiliar, löchrige Kleidung, blutige Kratzer, Putzmittel und Nerven kosten.

Aber ich wollte ja auch nie etwas zum in die Vitrine Stellen.

Kein Knopf im Ohr: Sonny
Kein Knopf im Ohr: Sonny

Leben ist keine Deko

Bist du schon Katzenhalter? Dann ist das alles nichts Neues für dich. Irgendwas ist immer: Im einen Moment blinzelt dein Stubentiger dich freundlich an und putzt sich über das seidige Fell, im nächsten buddelt er seine Hinterlassenschaften samt einer Ladung Katzenstreu im hohen Bogen aus der Toilette und würgt dir einen gigantischen Bezoar auf den Esszimmerteppich. Bestenfalls dann, wenn du einen halben Meter entfernt gerade deinen Besuch mit Kaffee und Kuchen bedienst.

Auch das gehört zum Zusammenleben mit Katzen.

Die Rasse ist dabei vollkommen egal. Du kannst eine Katze noch so wunderhübsch finden: Sie ist ein Lebewesen, und was lebt, ist nicht immer strahlend rein und duftet nach Blumenwiese. Was lebt, neigt außerdem dazu, sich zu bewegen – gern auch in Gefilde, in denen du es nicht haben willst. (Buddy ist mir vor einer knappen Stunde über die Schulter mitten ins Terrarium der Wüstenrennmäuse gesprungen. Ich wusste nicht einmal, dass er im Zimmer war.)

Das ist überhaupt nicht schlimm. Wer ein Tier will, weil er das Zusammenleben mit einem artfremden Lebewesen schätzt, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, und der realistisch genug ist, um zu wissen, dass im Leben mit Fellkugeln selten alles glatt läuft, der wird damit kein Problem haben.

Falsche Gründe

Blöd wird es, wenn jemand sich eine trendy »Edelkatze« zulegt (bestenfalls noch vom Vermehrer), weil das gerade cool ist und weil die Katze sich ja so super auf dem Profilbild bei Facebook macht. Das ist derselbe Mechanismus, der Menschen Border Collies adoptieren lässt, obwohl bei ihnen zwanzig Minuten um den Block schon kaum in den Tagesplan passen. Er war doch so hübsch in der Kleinanzeige bei eBay!

Und, mal ehrlich: Es geht dabei selten nur um Schönheit. Es geht auch um die offenkundige Zugehörigkeit zu einer Rasse. Ich habe nicht nur einen Hund, nein, ich habe einen Border Collie. Ich habe nicht einfach nur eine Katze, nein, ich habe eine Maine Coon.

Die Tiere sind Statussymbole. Die Rassebezeichnungen sind so was wie Automarken.

Das Ding ist nur, dass dein Auto nicht gleich den Mond anheult, wenn du es in der Garage abstellst.

Am Ende sind beide Parteien gleichermaßen unglücklich. Das Tier nervt den Menschen und der Mensch kümmert sich nicht korrekt ums Tier. Woraufhin das Tier den Menschen noch mehr nervt. Der sich daraufhin aus Frust noch weniger kümmert. Teufelkreis.

Viele finden Maine Coons (und Norweger, und Bengalen, undundund) wunderschön, unterschätzen aber die Arbeit, die man mit den Tieren hat, sind sie erst einmal eingezogen. Gerade Katzen werden gern als nebenbei-Tiere dargestellt, die mit einem vollen Napf und einer Fellmaus happy sind: Dem ist nicht so. Und das ist gut so, denn eine geniale Bindung zu deinem Vierpfötler bekommst du nur über massenhaft Interaktion.

Wenn diese Bindung erst einmal da ist, ist es übrigens vollkommen egal, welcher Rasse dein Kumpel angehört. Durch die Wahl einer Rasse erhöhst du die Wahrscheinlichkeit, dass dein neuer Mitbewohner bestimmte Eigenschaften mitbringt. Diese Vorselektion macht es euch bedeutend einfacher, zusammenzuwachsen. Wenn das schließlich geschehen ist, ist dein haariger Freund nicht mehr bloß »dein Maine Coon«. Er ist dein Freund. Freunde brauchen keine Etiketten.

Der Boss
Der Boss. Rasse: BFF.

Zweibeiner, katzenlieb, sucht…

Bei den Fellgiganten stehen die Coons im Mittelpunkt – es ist also unschwer zu erraten, dass ich die Zuneigung zu einer speziellen Katzenrasse zu 100% nachvollziehen kann. Ich wünsche mir nur, dass die Entscheidung für oder wider eine Rasse niemals rein auf Optik beruht. Wir Menschen sind Augentiere, das ist wahr, aber wir sind auch vernunftbegabt genug, um einsehen zu können, was zu uns passt und was nicht. Um zu hinterfragen, was wir leisten können und was nicht.

Wir sind auch vorausschauend genug, um rechtzeitig die richtige Entscheidung zu treffen. Ein Tier bei sich aufzunehmen, um es wenige Monate später aus eigener Uninformiertheit wieder vor die Tür zu setzen, ist dem Tier gegenüber grausam – und dem eigenen Nervenkostüm tut es auch nicht gut.

Tierhaltung ist immer Arbeit. Wenn du mich fragst, ist es die tollste Arbeit von allen – und die einzige, für die ich bereitwillig Geld bezahle, um ihr nachgehen zu dürfen. Sonny ist vor Freude fast vom Behandlungstisch gefallen, als ich ihn endlich aus der Klinik abholen konnte. Ich habe diesem Kater nun mehrere Wochen zu verdanken, in denen ich kaum ein Auge zugetan habe, aber er ist das alles absolut wert. Es ist mir herzlich egal, ob er in seiner Entwicklung noch voll aufholt und wie er mal aussehen wird: Er ist perfekt. Ebenso wie Buddy mit seinen Rowdy-Allüren. Und der Boss, der so gerne einen auf Diva macht (vor allem, wenn sich alles um das kranke Huhn dreht anstatt um ihn).

Deine feline Perfektion sitzt vielleicht schon auf deiner Couch. Vielleicht wartet sie auch noch irgendwo da draußen. Vielleicht in Form eines Maine Coons, vielleicht auch in Form einer anderen Rassekatze, vielleicht aber auch in Form eines Mischlings oder einer EKH aus dem Tierheim.

Wenn du auf die Suche gehst: Denk in erster Linie an das, was ihr gemeinsam machen wollt. An das, was euch verbinden soll.

Der Rest findet sich dann von selbst!

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4 Kommentare

  1. Ein toller Blog!

    Meine „Edelkatze“ ist hier übrigens auch die unedelste meiner 3 Stubentiger *g*
    Aber hey, Theo ist ebenfalls rot und da darf man meistens nicht viel erwarten

    Lg

    1. Hi Micha,
      vielen Dank! Hachja, die Rotfüchse – die sind schon speziell! Dein Theo ist ja mal ein richtig schicker Kerl (überhaupt hast du eine tolle Bande von Vierpfötlern <3) - ich bin gespannt, ob mein Sonny irgendwann auch noch so eine Löwenoptik entwickelt. Langweilig wird's mit einem Roten jedenfalls wirklich nie!
      Liebe Grüße
      Laura + Fellgiganten

  2. Dieser Blog trifft den Nagel auf den Kopf
    Als ich mir vor 13 Jahren meine ersten Coonies zulegte kam es mir vor allem auf die Größe an. So kam es das ich mir einen guten Züchter aus dem Inet suchte. Ich sah einen von ihren Zuchtkatern (mir war vor allem wichtig das beide Elterntiere einen sehr niedrigen Inzuchtkoeffizienten aufwiesen) und wollte unbedingt 2 Kitten von diesen. Ich hatte Glück und eine Verpaarung war in einiger Zeit anberaumt. Als es dann, fast ein dreiviertel Jahr später, soweit war flog ich zum Bodensee um diese von dort abzuholen. Meine Züchter kamen mir dort netterweise entgegen da sie selber aus dem tiefsten Bayern waren und ich selber noch kein Auto hatte um zu ihnen zu fahren. Vorab wollte ich damals meiner Tochter die Coonies einfach mal live und in Farbe vorstellen (beim Züchter waren zu diesen Zeitpunkt schon 2 Kitten von besagten Wurf *vorbestellt*) und wir gingen zu einer Maine Coon Ausstellung die hier gerade in Berlin war. Hach ja, quitschrote Tomaten, sowas wollte ich auch nie. Es hieß sie seinen besonders wild, arglistig und hinterhältig. Ich mochte einfach keine roten Katzen. Auf besagter Ausstellung trug sich nun folgendes zu: Wir schauten uns die Tiere an, eine Züchterin stand dort mit einem 1/2 Jährigen Roten auf dem Arm da und dieser war völlig relaxt. Ich fragte ob ich ihn mal streicheln dürfe und ich durfte. Bei der zweiten Runde im Saal blieb ich wieder bei ihm stehen und dieses mal fragte sie mich ob ich ihn nicht mal auf den Arm nehmen wolle und ich wollte und er fühlte sich wohl auf meinen Arm, als würde er dort schon immer hin gehören :-D. Bei meiner dritten Runde dann, die ich kurz nochmal alleine machte, ging ich dann zu der Züchterin hin und sagte ihr das dies meiner sein würde (Sie kam einzig mit dem Ziel dort hin um ihn zu verkaufen) und sie sagte nur zu mir…. DAS hatte sie schon beim ersten mal gewusst. Mein rotes Rübchen hat mich gefunden und nicht ich ihn :-D. Eine Woche später zog er dann bei mir ein. Er stieg aus der Transportbox, ging einmal durch die Wohnung und es war als hätte er nie woanders gelebt. Die Züchterin staunte nicht schlecht als sie das sah. So kam ich zu einem, nie gewollten, roten Kater und er war mein ein und alles :-). Die zwei besagten *bestellten* kamen dann einige Wochen später hinzu und wurden sofort akzeptiert. Eine vierte Coonie Dame kam dann später auch noch problemlos dazu. Für mich gibt es auch nichts anderes mehr als riesige Fleischfellklopse :-D.

    Liebe Grüße
    Ilo und Fellmonster

    1. Liebe Ilo samt Fellmonstern,
      vielen Dank für diese schöne Geschichte! Hach, ich kann das so gut nachfühlen. Dein Roter hat dich ja ganz fix um die Kralle gewickelt – das können die richtig gut, glaube ich! Bei mir war das ähnlich. Nachdem wir unseren Rotfuchs seinerzeit wegen massiver Probleme in der Gruppe abgeben mussten, hatte ich mir echt geschworen: Nie wieder ein Roter. Bevor dann wieder etwas nicht passt und ich mich trennen muss… Ist ja furchtbar für Vier- und Zweibeiner.
      Und dann wollte ich dieses Jahr die potenziellen neuen Kumpels für den Großen kennenlernen: Beide blau, dachte ich. Ich kam rein, und wer purzelte mir entgegen? Sonny, der Red Silver (zu dem Zeitpunkt aber noch richtig rostrot). Er war von allen Kitten am unerschrockensten und hing mir laufend am Rockzipfel, weil er spielen wollte. Es war irgendwie von der ersten Sekunde klar: Pfeif auf die Farbe, der gehört zu mir! Er kam, sah und siegte.
      Ich wünsch dir noch eine wunderbare Zeit mit deinen Fellnasen – die Coons sind halt in jeder Hinsicht die Größten!
      Liebe Grüße!
      Laura + Fellgiganten

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