Fellgiganten: May I introduce… Indio

Fellgiganten: Indio

Es wird bei mir zur traurigen Routine, dass Tiere mich verlassen und in einem tiefschwarzen Sumpf von »nein, das will ich nie wieder, es gab nur ihn und dabei bleibt es«-Gefühlen zurücklassen… So lange, bis die Realität mich mit der Wucht eines 40-Tonners rammt und ins Jetzt zurückbefördert.

Normalerweise würde ich immer sagen: Wenn du jemanden verlierst, egal ob Mensch oder Tier, dann nimm dir um Himmels Willen Zeit, das zu verarbeiten.

Und zwar aktiv.

Lass diese ganzen Scheißgefühle (pardon) in dir wüten, so lange, bis der Sturm nachlässt.

Früher oder später wirst du dann spüren, ob dein Herz Platz für jemand Neuen geschaffen hat.

Schatten

In meinem Fall ist es immer so, dass da noch überhaupt kein Platz in mir ist: Da sind nur die Schatten derer, die gegangen sind. Und die fühlen sich noch so verdammt greifbar an. Fast so, als könnte ich sie einfach zu mir zurückholen, wenn ich sie nur richtig zu fassen bekäme.

Ich kann sie nicht einfach so beiseite schieben. Ich kann meinen Sonny nicht verjagen, um Platz für einen Fremden zu machen. Lieber lebe ich mit seinem Schatten weiter und rede mir ein, er wäre noch da.

Mein 40-Tonner dieses Mal war Buddy. Er hatte eine sehr enge Bindung zu seinem Halbbruder und litt schon eine ganze Weile sichtbar darunter, dass Sonny nicht mehr immer so konnte, wie er gewollt hätte. Er war verunsichert und auch im Alltag ängstlicher und zurückhaltender als früher.

Als ich endgültig ohne Sonny aus der Klinik zurückkam, schrie er. Ständig. Und er rannte. Durch die gesamte Wohnung, immer wieder. Endlosschleifen.

Klebte er sonst täglich an mir wie die sprichwörtliche Tube Pattex, kam er jetzt nur noch sporadisch zum Kuscheln. Party interessierte ihn nicht mehr. Fressen auch nicht. Er versuchte immer mal wieder, mehr Nähe zum Boss aufzubauen, aber auch wenn King Domingo Buddy wirklich sehr mag: Dauernd auf der Pelle haben will er ihn nicht.

Das Rennen wurde nach einigen Tagen weniger, aber dafür hockte er dann beinahe konstant auf einem der Kratzbäume und starrte ins Leere. Nachts zog er seine Runden durch die Wohnung, schreiend, und tagsüber konnte die Welt ihm gestohlen bleiben.

Und ich hatte nicht mehr nur meine Trauerarbeit, mit der ich nicht vorwärts kam, sondern durfte mir obendrein auch noch Sorgen um mein Riesenbaby machen.

Buddy

Zuwachs

Dass ich mit einem gechillten 8-Jährigen und einem verrückten 1-Jährigen als Duo schlechte Karten hatte, war klar. Buddy ist es durch sein Brüderchen gewöhnt, dass immer jemand zum Raufen und Jagen da ist. Maine Coons lieben ihre Party bis ins hohe Alter und der Boss ist bis heute ein Quatschkopf, die Dauerbespaßung eines Halbstarken sieht er allerdings nicht als Teil seiner Jobbeschreibung. Dass also irgendwann ein neuer Jungkater Einzug halten musste, war mir bewusst.

So wie’s mit Budd aussah, konnte ich mir mit der Suche allerdings nicht zu viel Zeit lassen.

Ich hasse diese Situation. Du brauchst ganz schnell den perfekten neuen Freund für dein Tier: Total anpassungsfähig und bloß nicht zu dominant, damit er sich möglichst problemlos ans Ende der Rangordnung fügen kann. Charakterlich so gestrickt, dass er deinen Altkater nicht in den Wahnsinn treibt, gleichzeitig aber einen guten Spielkameraden für deinen Jungspund abgibt.

Nach Sonny habe ich ernsthaft überlegt, es mit den Coons bleiben zu lassen. Das sage ich ganz ehrlich. Coon und Coon harmoniert genial und charakterlich sind die Tiere der Hammer, aber: Diese Tür hatte sich in mir irgendwie geschlossen. Das einzige kleine Fenster, durch das ich noch bereit war zu klettern, war, dass ich vielleicht noch einmal ein Tier aus der Zucht vom Boss adoptieren würde. Und das auch nur, wenn es ganz, ganz stark klick macht und ich das Gefühl habe, »der und Budd werden BFFs«.

Indio

Tja. Der Klick kam.

Der Blackfoot mit Römerkragen zog ein, 5 Monate alt, verschmust ohne Ende (wieder Marke »ich krieche dann mal in dich rein, ja?«), verspielt ohne Ende (Marke »ups – brauchtest du eh nicht mehr, oder?«).
Extrem gesprächig.
Zeitweise verpeilt.
Und rotzenfrech, seit er mit uns allen warm geworden ist.

In Bezug auf Anhänglichkeit und Verhalten gegenüber Artgenossen ist er sogar ein bisschen wie Sonny.

Fellgiganten: Indio

Die Zusammenführung

Dass der Schwarzfußindianer gut zu uns passt, hat wohl auch Budd schnell bemerkt, denn als der den Pimpf das erste Mal kennenlernen durfte, war mein Bulldozer urplötzlich voll und ganz im »mach bloß nichts kaputt«-Modus. Das erste Date verlief unter beschwichtigendem Dauerblinzeln seitens des sonst so rowdyhaften Budds und konsequentem »boah, ist der dick, Mann! Bleib weg!«-Fauchen seitens des Babys (das ich Indio getauft habe).
Der Boss reagiert auf Fauchen generell hochgradig gereizt, war aber nett genug, den Neuzugang zunächst zu meiden, anstatt ihm eins aufs Dach zu geben.
Buddy dagegen mutierte vom ersten Augenblick an zum Baby-Stalker. Anstatt mit leerem Blick auf dem Kratzbaum zu hängen, heftete er sich fortan an Indios Pfoten und glotzte und blinzelte und starrte und blinzelte – ununterbrochen. Als hätte er noch nie einen Artgenossen gesehen. (Vielleicht lag’s auch am Römerkragen.)

Indio fand sein überdimensionales Anhängsel zunächst einmal reichlich uncool, ließ sich durch Spielen aber ganz famos ablenken. So sehr, dass er im Jagd-Modus auch mal mit Höchstgeschwindigkeit mit dem Big Bad Budd kollidierte – der ihn daraufhin wider Indios Erwarten nicht zerfleischte.

Nach anderthalb Tagen tobten sie dann das erste Mal gemeinsam durch die Bude. Nach zwei Tagen futterten sie aus demselben Napf. Und nach drei Tagen waren sie einvernehmlich unzertrennlich.

Wieder zu dritt

Buddy ist noch nicht wieder ganz der Alte – vielleicht wird er es nie mehr sein. Das ist okay. Die Hauptsache ist, dass er wieder happy ist. Er nimmt mir wieder die Wohnung auseinander. Er spielt. Er gurrt und trillert wieder. Er kommt zum Kuscheln (und Nuckeln). Letzteres deutlich seltener als früher, weil Indio ihn dabei immer nervt (»Wie lange muss ich an deinem Schwanz ziehen, bis du aufstehst und mit mir spielst?«), aber er freut sich wieder sichtlich über Streicheleinheiten. Draußen marschiert er wieder mit hoch erhobenem Schwanz mit mir durch die Gegend, ganz so, wie es sich für einen stolzen Vice President gehört.

Der Boss ist von der neuen Situation noch semi-begeistert. Er macht aktuell lieber sein eigenes Ding und lässt mir gegenüber die Diva raushängen. Allerdings hat er auch gerade eine Asthma-Diagnose bekommen und ich muss zugeben, dass ich bei Atemnot selber relativ unleidlich werde. Von daher lasse ich ihm sein Faible für Handfütterung und Kuscheln auf der Terrasse aktuell auch durchgehen.

Und Indio? Indio tut so, als hätte er nie woanders gelebt. Nachts balgt er abwechselnd mit Budd durch die Bude oder hockt schnurrend in meiner Halsbeuge. Womöglich erweist sich diese kleine nächtliche Kehlkopfmassage für meinen Job als Sprachtherapeutin ja noch als Vorteil – das würde dann meine chronische Unausgeschlafenheit auf der Arbeit ausgleichen.

Fellgiganten: Buddy und Indio

Und die Schatten?

Keiner, der gegangen ist, musste jemals beiseite rücken oder gar verschwinden, um jemand Neuem Platz zu machen. Es fühlt sich nur jedes Mal aufs Neue wieder so an.

Sonny ist noch da. Und das wird sich nie ändern. Er ist ebenso präsent in mir wie mein Blitz es noch immer ist. Und all jene, die vor ihm da waren.

Es ist ein mieses Gefühl, ein Tier zu adoptieren, obwohl man sich emotional noch nicht dafür offen fühlt. Da ist immer diese Angst, dem Neuzugang nicht gerecht zu werden. Ihm nicht alles geben zu können, was er verdient. Aber tatsächlich hat es zumindest bei mir bisher noch jeder Fellbeutel geschafft, mich in Nullkommanix um die Kralle zu wickeln.

Auch Indio hatte mich am Ende schon beim Hallo. Und ich bete, dass er mir (und Buddy) lange erhalten bleiben wird.

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10 Kommentare

  1. Sonny hätte es gar nicht anders gewollt. Manchmal, wenn die Schatten ganz lang und dunkel sind, kann man die Sternenmiezen von drüben hinter der Regenbogenbrücke flüstern hören: „Du hast den Platz. Du hast die Liebe. Du hast das Geld. Du hast die Kumpels. Es ist Dein fu**ing Job einer anderen Miez unser Heim zu geben.“ Und dann kann man sich ruhigen Gewissens zurücklehnen und weiss, man hat alles richtig gemacht.

    1. Ja, das trifft den Nagel auf den Kopf, glaube ich. Gerade für seinen Bruder wär’s auch Quälerei gewesen, aufzugeben und es beim Duo zu belassen. Schlussendlich war das jetzt der richtige Weg für alle Beteiligten. Danke für deine Worte!

  2. Wir freuen uns für euch 💕
    Sonny wird immer den einen bestimmten Platz in deinem Herzen haben.
    The3cats haben wunderbare Worte gefunden!
    Viele liebe Grüße,
    Michaela mit den Fellindianern

    1. Danke, ihr Lieben! Das ist wahr. Die Erinnerungen bleiben. Die Gefühle auch. Irgendwie wird er immer da sein…
      Alles Liebe für dich und die Fellindianer!
      Laura + die Fellgiganten

  3. Oh, der ist aber süß! Der sieht so knuffig und frech aus,
    herrlich Mini-Mieze. Aber schön das du dich letztlich für ihn entschieden hast, er wird ein wunderschönes zuhause haben.
    Auch Sonny wird von da drüben, leise & zustimmend rüberschnurren – ganz sicher …

    Liebe Grüße
    Felix, Cleo, Manet & Matt

  4. Für mich war ein neuer Mitbewohner immer die einzige Möglichkeit mit meinem Verlust halbwegs klar zu kommen… wohl wissend, dass es nie einen „Ersatz“ geben wird. Aber es ist jemand da, der die enstandenen Lücken in den gewohnten Abläufen füllt. Jemand er dich und deine Liebe braucht, um im neuen Zuhause heimisch zu werden. Einer, der dich während die Tränen noch kullern mit einem Katzenkindstreich zum Lachen bringt… und das ist gut so.
    Alles gute und viel mehr Glück als bisher!

    Andrea und ihre Schatznasen

    1. Liebe Andrea,
      das hast du so, so, so treffend formuliert! Danke dir für die lieben Worte und Wünsche – ich hoffe mal das Beste…
      Alles Liebe für dich und die Schatznasen!
      Laura + die Fellgiganten

  5. Ich kann Deine Gedankengänge nur zu gut verstehen. Man ist nach gerade auch so Sorgenkindern an sich mehr gewillt alles hin zu werfen als das man wieder neu anfangen möchte. Schußendlich macht man es doch und die Tiere danken es einem auch.

    Wünschen würde ich Euch nun eine lange, ruhige, sorgenfreie Zeit!

    LG, Merle

    1. Vielen Dank dir… Ja, irgendwann ist man von den ewigen Sorgen so ausgebrannt, dass einem für einen Neustart eigentlich die Kraft fehlt. Aber wie du schon sagst, man rafft sich dann doch auf – und die Tiere zeigen einem, dass es die richtige Entscheidung war.
      LG zurück!
      Laura + die Fellgiganten

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